»Ich bin an einem Sonntag geboren. Sonntagskinder seien Glückskinder – sagt der Volksmund. Bis auf meine ersten drei Lebensjahre habe ich immer in Karlsruhe gewohnt. Fußball spielend, wohl behütet und immer mit Freunden unterwegs, das war meine Jugend. Sehr bald zog es mich aber immer wieder in die Ferne. Ob mit einem alten klapprigen VW-Bus von Karlsruhe nach Südafrika oder später als Zahnarzt zu Indios an den Amazonas. Immer hat mich das Interesse an fremden Ländern und Kulturen angetrieben. Dies war wohl auch der tiefere Grund dafür – nachdem ich 2005 meine Zahnarztpraxis altershalber abgegeben habe – den gemeinnützigen Verein IRESO zu gründen. IRESO hilft Kindern und Jugendlichen aus brasilianischen Favelas in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Soziales. Brasilianische Favelas sind Orte, an denen die Menschen zusammengepfercht auf engstem Raum leben, ohne staatliche Strukturen, ohne ein funktionierendes Gesundheitswesen, inmitten von Drogenkriminalität, Gewalt und Prostitution. Die Favelas gehören zu den gefährlichsten Orten dieser Welt. Mehrmals die Woche liefern sich Polizei und die Drogenkartelle Schießereien. Selbst die Schulen unserer Kinder werden aus Polizeihubschraubern heraus mit Kriegswaffen unter Dauerfeuer genommen. Danach reagieren die Kinder oft tagelang mit Fieberattacken, Apathie und Schlafstörungen. Und immer wieder trifft eine verirrte Kugel ein Kind tödlich. Welch ein Alltag der Kinder. Wenn ich nach einem Arbeitsaufenthalt von dort, voll mit diesen Eindrücken, nach Karlsruhe zurückkomme, weiß ich, dass ich tatsächlich ein Glückskind bin.« Norbert Lehmann